Sebastian Münster

Namenspatron des Ingelheimer Gymnasiums


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Die Kosmographie

Titelseite der Ausgabe von 1628 in einem Faksimile des Antiqua-Verlages, Lindau, 

hrsg. von Karl Heinz Burmeister (im Besitz der Schule)

 

Sein epochales Werk, die »Kosmographey«, die 1544 in der ersten Auflage erschien und bis 1628 in Deutsch (mit 21 Auflagen), in Lateinisch (5), in Französisch (6), in Italienisch (2-3), in Tschechisch (1) und teilweise auch in Englisch verlegt wurde, war eine Beschreibung der ganzen Welt, die »in seiner Zeit für das Weltverständnis von entscheidender Bedeutung war« (Richard von Weizsäcker). Nahezu 30 Jahre lang hatte Münster an diesem groß angelegten ehrgeizigen Vorhaben, das sein Lebenswerk und ein »Bestseller« wurde, gearbeitet. Er korrespondierte mit Fürsten, Bischöfen, Diplomaten, Bürgermeistern und zahlreichen Gelehrten, um das Wissen seiner Zeit zu sammeln, zu erweitern und auf den neuesten Stand zu bringen. Und er bat, oft mit Erfolg, auch um finanzielle und materielle Unterstützung für sein Vorhaben.

Er beschrieb in der »Kosmographey«, die sich an ein großes Publikum richtete, in frühneuhochdeutscher Sprache die Städte und Landschaften des deutschsprachigen Raums historisch sowie geographisch, erörterte, warum die Erde nach der neuen kopernikanischen Erkenntnis als Kugel gedacht werden muss und fasste die Berichte und Kenntnisse über ferne Länder und Erdteile zusammen. Doch je entlegener die Schauplätze lagen, desto mehr ersetzten Vermutungen und Phantasie Wissen und Wissenschaftlichkeit.

Münster hat zu keiner Zeit weite Forschungsreisen unternehmen können, was er ausdrücklich bedauerte. Um so mehr war er auf alte Quellen, auf Berichte und Auskünfte anderer angewiesen. »Wir wissen, dass in einer solchen Arbeit vieles durch bloße Vermutungen gelöst werden muss, wo sichere Gewährsmänner fehlen« (Brief 1537).

»Ich gebe jedoch meine Unklugheit zu, dass ich das kritiklos in meinem Buch aufnahm« (Brief 1548).

Auf der Grundlage eigener Erkundungen und Erfahrungen waren seine knappen Darstellungen sachlich und genau. Über Mainz, der »Alten Moguntiacum, und jetzund in Teutscher Spraach Mentz« schrieb er: »Wer diese Statt zum ersten hab gebawen/weiß man nicht: dann sie ist gar der alten Stätt eine. Sie ligt an einem luftigen Ort da der Meyn von Franckfurt herab fleust/und der Rhein vom Öberland kompt. Dazu ist es auch gantz fruchtbar auff beyden seiden deß Rheins. Es ist kein Statt an dem Rheinstrom darinn mehr alter Dingen gefunden werden dann zu Mentz« (Cosmographia 1628).

 

 

Wenn Münster jedoch Schilderungen aus zweiter Hand verwenden musste, was oft der Fall war, wurden seine Ausführungen zuweilen fehlerhaft, was ihm gelegentlich Kritik und Vorwürfe einbrachte. Mitunter bekam er auf seine Anfragen weder eine Auskunft noch eine Antwort. Über den Bischof von Mainz schrieb er vorwurfsvoll und enttäuscht: »Nur der Bischof von Mainz ist so taub, dass er bis heute nichts geschickt und nichts geantwortet hat, obwohl ich ihm vor drei Monaten geschrieben und ihn durch seine Sekretäre gemahnt habe« (Brief 1549).

Im unmittelbaren Kontakt mit kirchlichen, staatlichen oder wissenschaftlichen Autoritäten seiner Zeit vermied Münster allgemein diesen selbstbewussten Ton. Er verhielt sich eher unterwürfig und ängstlich.

Die Kosmographie wurde von 1400 Abbildungen illustriert, Holzschnitte aus der Holbeinschen Schule, darunter 247 Städteansichten und 26 doppelseitige Karten. Die Darstellungen von Seeungeheuern, Fabeltieren, Monstrositäten und Gräueltaten heidnischer Völker in Wort und Bild befriedigten die Lese- und Sensationslust vieler und ließen die Verherrlichung der »Königreiche der Christenheit« strahlender erscheinen.

Auch der Geschäftssinn, besonders seines Stiefsohnes Heinrich Petri, war dabei wohl ausschlaggebender als die kritischen Fragen nach dem Wirklichkeitsgehalt solcher Darstellungen. Von den Tartaren, womit die Mongolen gemeint waren, schrieb Münster in der Überheblichkeit des christlichen Abendlandes: »Es seiend aber die Tartari feindselig scheutzlich leut mit grossen augenn vor dem kopf ligent!. . . Sie haben ein nötliche schreiende Sprach/heulen jemerlich so sie singen. . . Was sie würgen oder abtun/des hertzs opfferen sie in einem becher/. . . Sie verachten all andere voelkker/.. . Sie essen auch hund/katzenn/ratzenn/groß meuß. . . (Im Krieg) Etliche fallen zu d‘erschlagne(n) leib nider/sauffen das warm bluot der erstochenenn in sich« (Cosmographia).

Diese feindseligen und verachtenden Schilderungen enthielten Unwissenheit und Vorurteile gleichermaßen. Sie entsprangen im wesentlichen der Selbstgerechtigkeit und der Angst vor den fremden Völkern. Münster bekannte selbstkritisch, aber ohne praktische Folgen: »Wenn jene fremden Berichte zu uns kommen, sind wir sicherlich leichtgläubiger, als es recht ist« (Brief 1545).

Hans Rudolf Manuel Deutsch (1525 bis 1571), Johannes Zorn (o. A.), aber auch Hans Holbein d. J. (wahrscheinlich 1497 bis 1543) fertigten Druckstöcke für die Kosmographie an. Überraschend für den heutigen Betrachter ist, dass gleiche Stadtansichten gelegentlich zur Illustration verschiedener Städte verwendet wurden, so für Basel wie für Koblenz, für Venedig wie für Frankfurt, für Mailand wie für Ingelheim. Auch für verschiedene Kaiser und Könige wurden mitunter die selben Druckstöcke verwendet. Die mehr typisierenden Abbildungen standen noch in der Tradition alter Chroniken und Buchillustrationen. Sie entsprachen ikonographisch dem Mittelalter. Die topographisch genauen Darstellungen waren, wie die individuellen Porträts, ein Ausdruck der wissenschaftlichen und künstlerischen Haltung der Renaissance. »Münster scheint uns noch im wesentlichen als ein Vertreter des ausgehenden Mittelalters, wenn wir auch bei ihm einige Züge finden, die in die Neuzeit weisen« (Burmeister 1963).

Wenn genaue Bildvorlagen für die Holzschnitte fehlten, wurden zur Auflockerung der Texte fiktive Stadtansichten gewählt. Der Holzschnitt hatte sich seit dem 15. Jahrhundert zu einer weit verbreiteten und hohen Form des Bilddrucks entwickelt. Aber er war teuer und zeitaufwendig. Dennoch war Münster sehr daran interessiert, die »bedeutenderen Städte Deutschlands in ihrem natürlichen Bild... darzustellen und naturgetreu durch die Perspektive nachzuzeichnen« (Brief 1545).

Die Neuauflagen wurden, auch nach Munsters Tod 1552, verbessert, erweitert und weiterbearbeitet. Auf der Titelseite der »Cosmographia« von 1628, die in Basel bei der »Henriepetrinischen« Druckerei verlegt wurde, heißt es am Schluss: »Auff das newe ubersehen und mit vielerley nohtwendigen Sachen  Fürstlichen Stambäumen / Figuren und Stätten: Sonderlich aber einer vollkommenen Beschreibung der unbekandten Länder Asiae, Africae, Americae, so viel darvon durch allerhandt Reysen und Schiffarten/biß auff dieses 1628. jahr kundt gemacht worden/trefflich vermehrt/und mit newen Indianischen Figuren geziehret.« Die Verleger- und Druckerfamilie Petri besorgte die Neuauflagen auf dem jeweils höchstmöglichen Kenntnisstand der Zeit.

Im Jahr 1550 kostete die Kosmographie 2 Gulden (etwa 2000 DM). Die Buchhändler bekamen etwa 50 Prozent Rabatt. Auch Einzelblätter der Kosmographie kamen in den Handel. Sie kosteten einen Rappen. Die Auflagenhöhe der lateinischen und deutschen Ausgabe von 1550 betrug je 1800 Exemplare.

Aus: Friedt, Friedensliebe ...

Siehe auch: http://www.ingelheimergeschichte.de/geschichte0105/sebmuensterthemen/sebmuen_cosmographia.html

Weitere Abbildungen aus der Kosmographie: 

Europa, Ingelheim, Titelblatt des ersten Buches 1544

 

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